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Piano Pianino

Komposition für Pianoforte, Venedig, Nov 2010

Piano:
Fläche, Ebene, Stockwerk;
leise, leicht, sachte, zurückhaltend, verständlich;
Entwurf, Projekt;
Klavier
Pianino:
allmählich, mit der Zeit, langsam
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Das erste Stück im Kontext des venezianischen Kompositionsprojektes Colpi di Scena, Piano Pianino, entstand für einen Werkstattbericht im Centro Tedesco di Studi Veneziani am 10.11.10. Es enthält erste modellhafte Umsetzungen. Architektonische Strukturen, die durch ihre unwiederholbare Asymmetrie überzeugen, werden auf harmonische und rhythmische Strukturen am Klavier übertragen.

Ausschnitt:Die Recherche speist sich aus dem Überdruss an einer Architektur des Rasters und an weithin dominierenden Designs, die am Computer entstehen und ihre Gestalt den Angeboten zu verdanken haben, die von der Software bereitgestellt werden. So ähnlich wie Musikprogramme und Grafikprogramme zu typischen Entscheidungen verleiten, wenn man ohne Intention an sie herantritt, passiert das in der Architektur. Geradezu eine Regel ist es bei Gebäuden, die nicht den Gesetzen der Architektur folgen, sondern denen des real estate.

Es gibt auch andere Gründe, warum Gebäude ohne Identität und Charakter entstehen. Dass in Venedig so viele eigenwillige Exemplare mit souveräner Formsprache zu finden sind, liegt zum Teil auch am bougeouise-oligarchischen Staatsmodell der venezianischen Republik. Wer es durch Welthandel zu etwas gebracht hatte, wollte ein Unikat an den Kanal stellen und sich nicht einreihen, wie es eher den späteren Konzepten sozialistisch orientierter Staaten entsprach, deren Höhepunkt wahrscheinlich nicht einmal in der legendären Regelung der DDR zu finden ist, dass jeder, der Fassadenornamente an seinem Haus abschlägt, eine Prämie bekommt. Der Höhepunkt der gleichgeschalteten Architektur ist erst in den Neubauten Berlins nach 1990 zu finden. Uninspirierte Raster-Orgien, verursacht durch eine Mischung aus kultur- und geschmacklosen Bauherren einerseits, oft internationale Investoren, die mit dem Ort ihrer Investition nichts am Hut haben, und andererseits korrupten hohen Beamten im Berliner Senat.

Venedigs heutiges Erscheinungsbild gibt noch viele Beispiele für Formen, die sich nicht wiederholen lassen und jedem Ansatz entziehen von jener faktischen Gleichschaltung, mit der sich der demokratische “Kapitalismus” inzwischen architektonisch ad absurdum führt.


Berühmtes Beispiel:In abgelegenen Zonen:

Piano Pianino ist ein Entwurf. Das Projekt zielt auf ein sachtes Klavierstück, das von der Oberflächenstruktur einiger Gebäude ausgeht, von der Struktur der Stockwerke untereinander und in sich. Die Übertragung geschieht experimentell durch verschiedene Versuche und Techniken. Was sich optisch auf einen Blick vermittelt, kommt akustisch-musikalisch erst allmählich und mit der Zeit zum Tragen.




Windgong Project

Bauprobe Hellerau Mai 2010

Projektbeschreibung

 

4. + 5. Sept 2010, Schlagwerke 03, Festspielhaus Hellerau                                      13. Okt. 2010, TonLagen, Dresdener Festival für zeitgenössische Musik

 

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Proberaum:


Presse Kurs:Liebe

Kritiken – Vorstellungen 2009/2010 

Schwäbisch Hall, 18.07.2010

Mammon auf die Beine helfen

„Kurs:Liebe“ uraufgeführt im Globe Theater Schwäbisch Hall


Foto: © Jürgen Weller Fotografie

Wandte man sich in den 20er Jahren mit schmissigem Klartext noch an die höchste Instanz: „Ein letztes Wort zu Gott, wir sind bankrott, bankrott, bankrott!“, lautet der Songtext in finanziell ähnlich auswegloser Lage heute: „You are my emotional bank account, I invest in you, ’cause this bank won’t have a global market crises“ (Du bist mein Gefühlskonto, ich investiere in dich, denn diese Bank wird keine globale Wirtschaftskrise haben).“ Statt Rückzug ins Private wünscht man sich Text und Musik (Musikalische Leitung: Moritz Gagern) in Gottes Ohr. Oft genug wird der eingängige Refrain wiederholt, um sich beim Hörer einzunisten. „Das war doch jetzt richtig gut!“, ein Nachsatz, der dem Uraufführungspublikum im Globe Theater satten Szenenapplaus entlockt.

Mit „Kurs:Liebe“, einer Produktion aus der Berliner Choreografen Werkstatt von Sommer Ulrickson (Regie und Choreografie) möchten sich die Haller Festspiele im 85. Jahr ihres Bestehens dem Genre Tanztheater öffnen. Voll Elan wirft sich das Ensemble (Clarissa Herrmann, Dan Pelleg, Marko E. Weigert, Christoph Schüchner sowie Gagern und Ulrickson) ins Stück und bühnenmittig auf ein Trampolin. Rücken an Rücken gefesselt hüpfen Pelleg und Weigert, Gangster Joe geht ab wie eine Rakete und die konditionsstarke, einfallsreiche Ulrickson alias Frau Silvia vollführt wilde Sprünge, hinter denen sich die von Haute und Baisse gebeutelten Aktienkurse verstecken können.


Foto: © Jürgen Weller Fotografie

Die Handlung entwickelt sich ausgehend von einem Fortbildungsseminar, in dem Bankangestellte in Rhetorik geschult werden, um bei Kreditvergabe und Kundenakquise emotionale Stringenz ins Beratungsgespräch zu bringen. „Ihre Investitionen vermehren sich bei uns so sicher wie Hasen im Frühling“, so lauten der Branche abgelauschte Sätze. Körper- und wortsprachliche Wendungen und Verrenkungen sind amüsant und treiben mit einem Überfall samt Geiselnahme durch ein Bankräuberduo weiter bizarre Blüten. Was die Kursleiterin den Angestellten mühsam einbläuen wollte, bringen die Bankräuber mit: Wertschätzung für und Vertrauen in harte Münze. Geld oder Liebe? Beides sind Macht-, Bindungs- und Lenkungsinstrumente, die im Doppelpack noch besser wirken.

Das Theater eine Spielwiese in Grün, Blau und Gelb, über die drei Etagen des hölzernen Rundbaus entspinnen sich absurde Aktionen. Die Stimmung kippt von bedrohlich in schrille Partylaune oder verödet in Warten. Geiseln solidarisieren sich – gemäß dem Stockholm-Syndrom – mit Geiselnehmern. Auffallend abwesend ist die Farbe der Liebe. Das einzige Rot im Stück, die Tomatensoße auf der Pizza, die auf sich warten lässt. Endlich angeliefert klopft und fingert Joe darauf herum, weil er darin einen versteckten Sender vermutet – ein Schelm wer dabei an paranoide Agenten denkt. Apropos Agenten, das Stück könnte sich auch eine Werbeagentur ausgedacht haben, die im Namen aller Banker dem schnöden Mammon in der Baisse auf die Beine helfen möchte.

Autor: Leonore Welzin


http://www.tanznetz.de/kritiken.phtml?page=showthread&aid=184&tid=17917

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Gefühlsecht zum Bankerfolg – im Haller Globe

Sommer Ulricksons bringt das multiformale Ensembleprojekt „Kurs:Liebe“ auf die Bühne in Schwäbisch Hall

Warum nicht? Das Stück zur Bankenkrise, zum Vertrauensverlust. Mit dem Geld haben die Kunden ihr Vertrauen verloren. Wer es zurückgewinnt, verdient wieder. Aber wie? Am besten mit dem Vokabular der Liebe. Denn Vertrauen ist menschlich. „Kurs:Liebe“ heißt das Ensembleprojekt, das Sommer Ulrickson im Haller Globe auf die Bühne gebracht hat. Ein munteres Vexierspiel, das sich aus den Elementen Schauspiel, Tanz und Musik speist.

WOLFGANG NUSSBAUMER

Frau Silvia hüpft gerne auf dem Trampolin. Da kann sie förmlich aus sich selbst herausspringen und mitteilen, was ihr sonst nicht gelänge. Wie ein Stotterer, der singt. Frau Silvia ist ein schwieriger Fall im Team der Bank; das Aschenputtel, das es allen recht machen möchte und um Anerkennung kämpft. Sommer Ulrickson hüpft mit Bravour in diese tragikomische Figur. Ferner nehmen an dem von Alexander Polzin und Nicola Minssen symbolkräftig ausgestatteten „Kurs“ noch Herr Zwingli, ein extrovertierter, offenkundig schwuler Schönling (Dan Pelleg) und Herr Schulz (Marko E. Weigert) teil, ein arroganter Misanthrop. Geleitet und überwacht wird das Seminar in Körpersprache und verbaler Rhetorik von Gabi-Renate (Clarissa Herrmann).
Typ: Steht vor sich selber stramm, um ihre lüsternen Gedanken zu verdrängen. Lässt genau so gerne die andern stramm stehen. Oder nach ihrer Pfeife tanzen. Beides darf man wörtlich nehmen. Als Resultat freut man sich an wunderlich grotesken körpersprachlichen Psychogrammen, an Verrenkungen mit Gesang, am Wortwitz, wenn die Empathie der Gefühlssprache auf die ökonomische Erwartungshaltung der Banker trifft und das Giersystem auf die Schippe nimmt.
Erweitert werden die interaktiven Möglichkeiten durch das Eintreffen zweier Bankräuber; Strumpf überm Kopf, Knarre in der Hand, Gitarre umgeschnallt. Sind der nervige Joe (Christoph Schüchner) und der coole Mafioso Mojo (Moritz Gagern) echt oder agents provocateurs? Sie verhalten sich jedenfalls ziemlich echt, setzen die Geiseln unter Druck und fraternisieren mit ihnen im Wechsel; die so unnahbare Gabi-Renate erliegt dem rauen Charme Joes, Frau Silvia möchte den mit dem Revolverlauf Slidegitarre spielenden Mojo beeindrucken und kommt dabei Herrn Zwingli in die Quere. Moritz Gagern spielt als Gangster übrigens nicht nur Gitarre, sondern auch Klavier. Aus seiner Feder stammen die Songs, die das Ensemble nahezu makellos intoniert. Das Angestelltenteam zeigt sich in der Ausnahmesituation sehr emotional, nahezu gefühlsecht. Aus der Angst geborene Lust beschert den Seminarerfolg. Bis tödliche Spannung in der Luft liegt. Joe dreht durch. Doch in die Spannung, da fällt kein Schuss.
Zurück bleiben fassungslose Mienen rund ums Trampolin und zufriedene auf den Besucherrängen. „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“ hat der Dichter Grabbe einst seine Komödie überschrieben. Der Titel könnte auch über diesem Kurs in Sachen Verkaufserfolg durch emotionale Techniken stehen. Nur nach der Bedeutung muss man nicht so tief graben. Aber das tut dem Spaß an diesem für Hall neuen Theaterformenmix keinen Abbruch.

Weitere Aufführungen am 23. und 24. Juli; 7., 8., 10., 11., 12., 18., 19. und 20. August, jeweils 20 Uhr im „Globe“. Karten: Tel. (0791) 751600, Fax (0791) 751-397. www.freilichtspiele-hall.de. Mail: kartenkontor@schwaebischhall.de

© Schwäbische Post 21.07.2010

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Südwestpresse, Autor: Bettina Lober | 20.07.2010
 

Gefühle rund ums Geld


Ganz streng: Seminarleiterin Gabi-Renate (Clarissa Herrmann), im Hintergrund genießen die Bankangestellten die Sprungfreiheiten des Trampolins (Bühne: Alexander Polzin, Nicola Minssen). Fotos: Weigert
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Die Freilichtspiele Hall betreten Neuland. Eigentlich kann man dieser Theaterform noch gar keinen Namen geben. Denn in “Kurs: Liebe”, einem Ensembleprojekt unter der Leitung der Regisseurin und Choreografin Sommer Ulrickson, kommen mehrere Genres zusammen, die gemeinsam eine eigene Gattung ergeben. “Kurs: Liebe” vereint viele Elemente – Gesang, Musik, Schauspiel, Tanz, Akrobatik. Ist das nun Tanztheater? Modern Dance, Collage-Performance, Avantgarde? Man kann angesichts dieses abwechslungsreichen Abends im Globe Theater ins Grübeln, Debattieren – und Genießen kommen.

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Es geht um Liebe – dieses mächtige und ach so undurchsichtige Gefühl. “Ein Abend über den Mehrwert von Gefühlen”, lautet der Untertitel des Stücks, das nur aus der Probenarbeit heraus entwickelt wurde. Und so wie einem zuweilen die eigenen Gefühle allerlei Rätsel aufgeben können, kann es durchaus auch dem Zuschauer im Globe gehen. Und warum eigentlich nicht?

Ausgehend von einem Fortbildungsseminar für Bankangestellte sollen die drei Teilnehmer Zwingli (Dan Pelleg), Schulz (Marke E. Weigert) und Silvia (Sommer Ulrickson) lernen, Begriffe des Gefühls souverän im Beratungsgespräch anzuwenden. Kursleiterin Gabi-Renate (Clarissa Herrmann) begrüßt die Truppe zum “Verkaufstraining Senior developper Modul VI: ,emotional grasp- Techniken bei Kreditvergabe und Kundenakquise”. Begriffe und Phrasen wie Geborgenheit, Sicherheit, Wärme und “Sprungbrett ist Glück” werden eindrucksvoll und humorvoll durch Bewegung erklärt. Bis die beiden Bankräuber Joe und Mojo auftauchen und das Seminargefüge ordentlich aufmischen. Sollen die Seminarteilnehmer damit auf die Probe gestellt werden? Nun, es scheint doch recht ernst zu sein. Joe (Christoph Schüchner) entpuppt sich als recht multiple Persönlichkeit, die wohl tausend verschiedene Gründe und Gefühle für den Überfall nennen könnte. “Ich raube keine Bank aus, ich befreie sie vielmehr”, antwortet er auf Gabi-Renates Frage nach dem Grund seiner Tat.

Die Gefühlslage der Schicksalsgemeinschaft aus Räubern und Geiseln in der Globe-Bank wandelt sich fortan ständig – das Experiment nimmt seinen Lauf. Sichtbare und unsichtbare Bündnisse werden geschmiedet, da wird munter in Gefühle “investiert”. Joe verliebt sich in Gabi-Renate, Silvia verlagert ihre positiven Gefühle von Zwingli auf den melancholischen Gitarristen Mojo (Moritz Gagern, Komposition) – das paradoxe Stockholm-Syndrom lässt grüßen. Ausdrucksstark und akrobatisch bewegen sich die Darsteller über die Bühnenebenen und verschlingen sich kunstvoll ineinander – sie lassen ihre Körper sprechen, aber auch ihre Stimmen. Überhaupt agiert dort ein Ensemble von tänzerischen, schauspielerischen und gewitzten Könnern. Wie von selbst ergeben sich dabei die passenden Songs von Moritz Gagern, zu denen auch eine Art “Angst-Choral” gehört. Irgendwann träumen Räuber wie Geiseln um das große Trampolin auf der unteren Bühnenebene liegend zusammen den selben Traum vom großen Geld, einer besseren Welt. Bis die Seminar-Realität dem Ringen um Liebe ein jähes Ende setzt.

Vertrauen, Macht, Liebe, Geld – die Begriffe werden in vielen Varianten vor Augen und Ohren geführt. Das tröpfelt an einigen Stellen aber auch etwas ziellos vor sich hin. Dennoch ist die Spielfreude von Ulrickson und ihrem Team eindrucksvoll – ein Abend eben mit vielen Gefühlen.

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Presse Lovesick

TAGESSPIEGEL 13.3.10

Gefühlsecht

“Lovesick”: uraufgeführt an der Neuköllner Oper

Das ist eine jener Uraufführungen, mit denen sich die Neuköllner Oper in Berlin unverzichtbar macht. Weil sie das Genre des Musiktheaters wirklich voranbringt. „Lovesick“ ist keine verkopfte Staatstheater-Alibiproduktion, sondern ein Stück übers echte Leben, witzig und ernst zugleich, das seine Zuhörer abholt, wo sie emotional stehen, das Alltagserfahrungen mit den Mitteln der Kunst ins Allgemeingültige hebt. Avantgarde-Musical, Off-Broadway-Show, multistilistische Nummernrevue, Collage-Performance: Was die Regisseurin und Choreografin Sommer Ulrickson mit dem Komponisten Moritz Gagern entwickelt hat, kann man mit vielen Namen benennen. Oder einfach genießen.

Es geht um die Liebe, natürlich. Die dramatische Story von der eifersüchtigen Astronautin, die ihre Konkurrentin mit Pfefferspray attackiert, ist nur der Ausgangspunkt für ein gesungenes, getanztes, gespieltes Panorama der unterschiedlichsten Ausprägungen von trennungsbedingtem Herzbruch. Acht Leute agieren auf der Bühne, und keiner hält sich an die übliche Aufgabenverteilung: Die Musiker agieren auch, Tänzer singen, Schauspieler werden in die Choreografien eingebunden. Der pas de trois, bei dem er nicht von seiner Ex loskommt, die ihm ans Bein gefesselt ist, fünfstimmiges A-Cappella-Heulen, Beziehungs-Reha an der rollenden Gulaschkanone, Hirschhausenhafte Beziehungstipps vom Pianisten: 90 Minuten Lebenshilfe ex negativo, geistreich, gallig, gefühlsecht. Großartig.

Am 8. April startet in der Neuköllner Oper das experimentelle europäische Musiktheatertreffen „Open Op“. Mit „Lovesick“ haben die Gastgeber die Latte extrem hoch gehängt. Frederik Hanssen

Weitere Aufführungen bis 18. April.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 13.03.2010)

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Liebeskranke geben sich in der Neuköllner Oper lustvoll ihrem Leid hin

Von Lucía Tirado
Der Liebeskrankheit beizukommen, zeigt »Lovesick«, ist

Der Liebeskrankheit beizukommen, zeigt »Lovesick«, ist ein aussichtsloses Unterfangen.
Foto: Matthias Heyde

Einmal wendet sich die Sängerin ans Publikum. Gab es Verletzungen? Ist Hoffnung, sich noch einmal zu verlieben? Von Liebe und damit verbundenem Schmerz kann schließlich nahezu jeder ein Lied singen. Und das geschieht nun in der ideenreichen Inszenierung »Lovesick« von Choreografin Sommer Ulrickson und Komponist Moritz Gagern, die in der Neuköllner Oper ihre Uraufführung erlebte und sich auf originelle Art über den Liebeskummer erhebt.

Einen Taumel nennen sie ihr Stück. Ecken und Nischen bietet die Kulisse von Nicola Minnsen und Alexander Polzin, einen Ausgang und einen für manche funktionierenden Fluchtweg. Und da ist eine Gulaschkanone. Denn so etwas gehört in ein Camp. Es gibt doch für alles Camps – für Dicke, Dünne, Gestresste oder Gestrauchelte. Mit »Lovesick« öffnet sich eins für Liebeskranke. Drei singende Tänzer der wee dance company (Sommer Ulrickson, Dan Pelleg, Marco E. Weigert), eine tanzende Sängerin (Barbara Ehwald) und eine singende und tanzende Schauspielerin (Tilla Kratochwil) geben sich dem Leid hin.

Teilen heißt heilen, ist die Therapie. Ein musizierendes, auf Distanz bedachtes Betreuerteam (Moritz Gagern am Flügel, Noga-Sarai Bruckstein mit Violine und Jörg Vollerthun mit Posaune) erteilt ihnen Tipps und trägt Mundschutz, um sich vor der »Lovesick«-Pandemie zu schützen. Infektionen sind alltäglich. Irgendein Sprühzeug, mit dem sie 99,9 Prozent der Krankheitserreger niedermetzeln könnten, ist nirgends auszumachen. Die Liebeskranken haben den Leidensweg der amerikanischen Astronautin Lisa Nowak verinnerlicht, die 2007 von Eifersucht getrieben in einer Nacht 1500 Kilometer mit dem Auto fuhr, um ihrer Konkurrentin zu erwischen. So etwas nennt man Konsequenz, meint man im Camp und tauscht sich über eigene schmerzliche Erfahrungen und deren Folgen aus.

Der eine raucht wieder, die andere raucht nicht mehr, der dritte will jetzt rauchen. Ein komisches Bild geben die Liebesinvaliden ab, wie sie sich selbst nennen. Gegen die aus Tragik erwachsene Komik ist kein Kraut gewachsen, ist hier gut ins Bild gebracht. Den Tipps der Betreuer folgend, üben sich die Kranken nun gemeinsam in Mir-geht-es-gut-Gymnastik, um nach dem Motivationstraining wieder zusammen zu sacken. Ab und zu wird eine Kandidatin rausgekantet und taucht wenig später prompt wieder auf. Die Gruppe der Verletzten und Verschmähten darf gemeinsam musizieren. Es gibt immer wieder Auseinandersetzungen und einen Herz zerreißenden gemeinsamen Heul-Song.

Parallel zu den gespielten grotesken Situationen schuf Ulrickson zum Staunen bringende Bilder. Es wird im Liegen und im Kriechen gesungen. Einmal transportieren die Tänzer auf ihren über den Boden rollenden Körpern die Sängerin zum Ausgang. Die Kandidaten im Camp tragen Nummern, keine Namen. Nummer 2 ist ein schwerer Fall und wohl schon am längsten hier. Aber sie arbeitet hart. Anfangs in Helm und gepolsterten Anzug verpackt, trainiert sie zunächst angewidert, später ehrgeizig mit Nummer 694 die Annäherung zwischen Frau und Mann. Der Tanz der beiden ist auf wunderbare Art widersprüchlich. Sich auf Misstrauen gründend, zeigt er Bewegungen, die Vertrauen bedingen. Am Ende fühlt sich Nummer 2 geheilt und kann gehen. Doch werden ihre Schritte an der Tür langsamer. Da schmerzt doch schon wieder eine Trennung?

Der Liebeskrankheit beizukommen, zeigt »Lovesick«, ist ein aussichtsloses Unterfangen, auch wenn dort davon die Rede ist, dass die Krankenkassen vorbeugende Maßnahmen fordern. Aber den Menschen allein gehört das Leiden nicht, gehört zu den Aussagen dieses schönen Stücks. Es wird beispielsweise von einem Schwan erzählt, der sich unglücklicherweise in ein Boot verliebt hat, es nun begleitet und beschützt. Dabei haben die Stückemacher wahrscheinlich vom Schicksal der Singvögel in Großstädten noch nichts gehört. Die haben sich verzweifelt darauf umgestellt, nachts sehnsüchtig nach einem Partner zu rufen, weil sie damit im Tageslärm nicht durchkommen.


18.-21., 25., 26.3., 1.-3.4., 20 Uhr; beim Festival »Openop« am 17., 18.4., 21 Uhr, Neuköllner Oper, Tel.: 68 89 07 77
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zitty, 23.03.2010

MUSIK-TANZ-PANDEMIE: Lovesick

Foto: Arno Declair
Was verbindet eine pfeffersprayende Astronautin mit einer Frau in voller Rugby-Montur? Beide sind liebesgeschädigt. Die Nasa-Raumfahrerin dreht durch, als ihr Liebhaber sie mit einer Kollegin betrog und will die Nebenbuhlerin mit Pfeffergewalt entführen – eine wahre Geschichte. Die andere Frau ist ein reines Theaterbild: Rundum verpackt schützt sie sich vor jeglicher körperlichen Annäherung. Beide Geschichten sind lose eingestreute Verbindungsglieder in einer genresprengenden Veranstaltung zum Thema Liebeskummer. Wir befinden uns in einer Art Reha-Anstalt für Liebesinvaliden. Dort wird in den aberwitzigsten Positionen gesungen, aneinander gebunden getanzt und wenn es den Insassen ganz schlecht geht, intonieren sie gemeinsam eine Heul-Arie, die momentweise wie ein Barockstück klingt. Manchmal rollt eine Gulaschkanone durch die Szene. Einen „Taumel“ nennen Regisseurin Sommer Ulrickson und Komponist Moritz Gagern ihr Gespinst aus Tanz, Gesang und ein bisschen Text, das vor absurd-komischen Situationen nur so strotzt, und manchmal auch mitten ins Herz trifft. Denn das Gefühl des Verirrtseins kennt jeder. Auch der Schwan, der sich in ein Tretboot verliebte. Noch so eine wahre Geschichte.
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Concert News

Next concert events.

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11. März 2010

Premiere LOVESICK, Neuköllner Oper

Ein Kaleidoskop liebeskranker Lieder mit Tanz und Texten.

Violine, Posaune, Gitarre, Klavier. Sopran, Vokalquintett.

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12.12.2009: Komposition für gemischtes Ensemble (Fl, Ob, Kl; Ps; Pk; Pno; Vl,Va,Vc), 3’30”

Festspielhaus Hellerau

Sa 12. Dezember 2009, 20.00, Großer Festspielsaal

Advent(s)Advent(ure) Ein durchkomponiertes Konzert

Ensemble Courage, Leitung Titus Engel

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Bayerisches Staatsschauspiel, MARSTALL

GEGEN DEN FORTSCHRITT
von Esteve Soler
Regie Jan Philipp Gloger
Bühne Bettina Kraus
Kostüme Karin Jud
Musik Moritz Gagern
Deutschsprachige Erstaufführung 20. Mai 2009

Nächste Vorstellungen am

Dienstag 16. März 2010, 20:00 Uhr
Sonntag 04. April 2010, 19:00 Uhr

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Concert for Fifty Wind Gongs

Concert for fifty wind gongs and small ensemble

The project in its origin is about playing ensemble music in a room with no center. It’s about the gong as an instrument that creates structure and melody[1]. And about exhibition principles of visual art applied to acoustical art. Now I’d say it’s mainly about a new instrument and it’s possibilities.

The new instrument is made of fifty individual wind gongs from Wuhan, China, where gongs are being manufactured for thousands of years, actually. They will be installed in a special order that divides the room into a labyrinth-like structure. These gongs resonate even to mere sound. In an old chinese legend some monks were able to sing at the gongs and thus make them vibrate and sound like a barking dragon. But it’s a fact that instruments are being echoed with their exact timbre in those 50 hanging bronze cymbals.

Each gong has its dominant frequency. So the material for the composition will be developped in a first step by analyzing the selected gongs that i will be delivered from the world’s oldest gong manufacture in Wuhan. The composition will play with a reciproque influence: the ensemble will play material that is derived from the natural pitches of the selection of gongs i use for the installation. On the other hand they will play around those frequencies that best resonate in the hanging gongs. The garden of gongs will react to the ensemble by itself, as a very precise and magical echo, but the gongs will also be played directly, in a more or less classical manner, with soft and hard mallets, with bows and other materials. Because of their broad bandwith of frequencies a lot of harmonic beats can be created by playing several gongs at the same time.

The ensemble is spread across the room, communicating by listening. The audience will change positions in the labyrinth during the concert and decide about the acoustical perspective of the concert individually.

I first dealt with the topic of the room without center in the dance piece „Jerusalem Syndrom“ in 2003. Later I expanded the theme in my concert „Babylonian Loop“ for the spinning restaurant in the Berlin TV tower, produced by Berliner Festspiele, Maerzmusik 2007. Twenty musicians were placed around the „bagel-shaped“ room, as one critique called it, 207 meters above Berlin. The audience sitting at the tables would slowly pass the musicians individually. The concert, greatly performed by the KNM, takes 60 minutes, which equals two rounds of 360° by the audience.


[1] The practice of combining small gongs according to their pitches for music playing began way back in ancient China. For instance, Chinese gong chimes images were featured in paintings from the Song Dynasty. In the Yuan Dynasty, Chinese gong chimes were not only popular among ordinary people, but also used in banquet music in the imperial court and religious music. There appeared 10, 13 and 14-note gong chimes.

Chinese gong chimes are widely popular across China, mainly used in age-old trumpet music, wind and percussion music as well as in Buddhist and Taoist music etc. Shifan drum music (string and wind instruments plus a drum, clapper and gong chime) and Shanxi drum music are two typical examples featuring the gong chimes.

tronci 2
copper swarf in a manufacture for cymbals

Finances

For this project i have to become a copper investor: The price of a single gong is relative to the world copper price. Is anybody interested to invest in copper? It’s a good moment, the price is rising, you have to act quickly, as you can see here it’s not at 4.000,-$ per ton any more.

Please write to our financial administrator, this is her email adress: moritz.ecf@gmx.de – You can also copy and paste this default letter:

Dear Misses Busy,

i’m willing to invest x,- Euro on your wind-gong project. Please send me your account details.

Sincerely,

name, adress, telephone