In der Musikhandlung

In der Musikhandlung

Musikalische Handlung nach Karl Valentin, anlässlich seines längst beinahe 99. Geburtstags

Dramatis Personae:
Kunde
Verkäufer
Direktor
Connaisseur
John
Yoko
Ein Tourist

Kunde: Bin ich hier richtig?
Verkäufer: Was suchen Sie denn?
Kunde: Wenn ich das noch wüsste.
Verkäufer: Ist es etwas Musikalisches?
Kunde: Schon. Aber es wäre auch eine Handlung mit dabei gewesen.
Verkäufer: Eine Musik mit einer Handlung? Oder vielleicht eher eine Handlung mit einer Musik?
Kunde: Jawohl. Eine Musik und mit einer Handlung gleichzeitig.
Verkäufer: Das wird schwierig.
Kunde: Hätten Sie da was?
Verkäufer: Das kommt drauf an.
Kunde: So, so? Worauf kommt es da an?
Verkäufer: Musik mit einer Handlung mit dabei, das könnte ja alles Mögliche sein!
Kunde: Ach was?
Verkäufer: Ja, ja.
Kunde: Dann wird’s schwierig.
Verkäufer: Gewiss, das sage ich ja. Vielleicht fällt Ihnen ein, was für eine Art von Musik es ungefähr gewesen sein sollte?
Kunde: Das ist ja das Problem, das mir das spontan nicht mehr einfällt.
Verkäufer: Und was für eine Art von Handlung, das wissen Sie auch nicht mehr?
Kunde: Nein, die Handlung fällt mir erst recht nicht mehr ein.
Verkäufer: Vielleicht suchen sie einen Schlager?
Kunde: Ein was?
Verkäufer: Einen Schlager, ein populäres Lied!
Kunde: Nein, nein. Ich bin Individualist.
Verkäufer: Suchen Sie also eher ein unpopuläres Lied, etwas Erhabenes?
Kunde: Es war kein Lied, sondern es hat etwas mit Musik zu tun auf jeden Fall.
Verkäufer: Ein Lied ist ja auch ohne Musik gar nicht vorstellbar.
Kunde: So, so. Und warum nicht?
Verkäufer: Ein Lied ohne Musik, das wäre ja bloß ein Gedicht, und ein schlechtes noch dazu. Das kommt so gut wie fast kaum vor, dass da ein gutes Gedicht übrig bleibt, wenn einer die Musik weglässt.
Kunde: Ich will sie ja auch nicht weglassen. Darum geht es ja, dass ich eine Musik suche und kein Gedicht nicht.
Verkäufer: Aber eine rein instrumentale Musik suchen sie auch nicht.
Kunde: Das habe ich nicht gesagt. Das ist doch meistens etwas sehr Musikalisches, so ein Instrumento.
Verkäufer: Schon, sicher, aber es hat ja keine Handlung, jedenfalls keine eindeutige, und eine Handlung, sagten Sie, wollen Sie auch.
Kunde: Eine weniger eindeutige Handlung wäre mir auch recht.
Verkäufer: Handelt es sich nun um eine Musik mit Text oder ohne?
Kunde: Stimmt, ein Text wäre unter Umständen auch mit dabei gewesen.
Verkäufer: Was heißt hier unter Umständen? Entweder es war ein Text dabei oder es war keiner dabei.
Kunde: Schon, ich hab ihn aber nicht verstehen können.
Verkäufer: Sehen Sie, dann suchen Sie keine Instrumentalmusik, sondern etwas Vokales.
Kunde: Das klingt sehr interessant.
Verkäufer: Vielleicht aus einer Operette eine Melodie oder ein Duett.
Kunde: Nur eine Melodie wäre mir zu wenig.
Verkäufer: Da ist selbstverständlich auch eine Harmonie dabei und ein Rhythmus.
Kunde: Ohne Text?
Verkäufer: Mit Text selbstverständlich. Eine Operette ohne Text, das ist ja genau – wie irgendwas Anderes.
Kunde: So so, das kann schon sein, aber was Anderes suche ich zur Zeit nicht.
Verkäufer: Aber irgendetwas suchten Sie doch.
Kunde: Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht, es hatte auf jeden Fall viel mit Musik zu tun, wenn nicht sogar mit mehreren Musikern gleichzeitig.
Verkäufer: Viel Musik sagen Sie?
Kunde: Jawohl.
Verkäufer: Viel Musik und Handlung?
Kunde: Nein.
Verkäufer: Keine Handlung?
Kunde: Schon, aber nicht so viel Handlung wie Musik, jedenfalls nicht so viel Handlung gleichzeitig. Da verstehe ich ja sonst gar nichts mehr, wenn sie alle gleichzeitig musizieren und mit Text auch dazu und noch von mehreren Handlungen gleichzeitig singen täten oder sonstwie handeln.
Verkäufer: Viel Musik und wenig Handlung also.
Kunde: Jawohl. Aber Handlung war schon eine mit dabei.
Verkäufer: Also irgendetwas mit viel Musik und wenig Handlung suchen Sie?
Kunde: Irgendetwas schon.
Verkäufer: Das wird schwierig.
Kunde: Ja, ja.
Verkäufer: Also auch nicht vielleicht eine Oper?
Kunde: Wer ist das?
Verkäufer: Eine Oper, keine Operette, sondern eine Oper eben, was weiß ich, die Zauberflöte von Wolfgang Amadeus Mozart zum Beispiel, das wäre eine Oper, wenn Sie vielleicht in der Richtung etwas suchen.
Kunde: Nein, lieber nicht, ich spiele überhaupt kein Instrument.
Verkäufer: Es gibt ja natürlich auch andere Opern.
Kunde: Ach, da gibt es mehrere von dieser Oper?
Verkäufer: Selbstverständlich. Hunderte.
Kunde: Au wei.
Verkäufer: Vielleicht wollen Sie etwas Romantisches?
Kunde: Ja, aber nicht zu viel, wenn Sie verstehen.
Verkäufer: Oder etwas Spätromantisches?
Kunde: Ich glaube, das ist mir zu spät. Ich werde abends immer so schnell müde. Oder wäre da eine Handlung mit dabei?
Verkäufer: Selbstverständlich. Ich könnte Ihnen da zum Beispiel eine Oper von Richard Wagner empfehlen.
Kunde: Sehr gerne. Ist da auch eine Musik mit dabei?
Verkäufer: Selbstverständlich.
Kunde: Wie heißt die gleich?
Verkäufer: Da gibt es mehrere.
Kunde: Mir würde eine schon reichen.
Verkäufer: Das glaube ich Ihnen. Wir sind hier aber nicht in der Oper, sondern in einer Musikhandlung.
Kunde: Ich habe doch gefragt, ob ich hier richtig bin.
Verkäufer: Sie wissen eben nicht, was Sie wollen. So sind die meisten Kunden. – Es ist offen!
Eintritt Connaisseur und Direktor
Connaisseur: Ich habe auch etwas gehört.
Direktor: Nach Ihnen…
Connaisseur: Ein ganz neues Stück.
Direktor: Worum geht es denn?
Connaisseur: Ein Musikstück.
Direktor: Ich weiß, aber wovon handelt es?
Connaisseur: Es handelte überhaupt nicht. Es war ein Stück Musik. Eine Musik, die nur von sich selbst gebraucht wird, handelt nur von sich selbst.
Direktor: Von nichts als Musik? Wie künstlich!
Connaisseur: Dann sagen Sie doch, wovon „handelt“ ihrer Ansicht nach beispielsweise Beethovens 14. Streichquartett?
Direktor: Es handelt zumindest von irgendetwas.
Kunde (etwas abseits, zum Verkäufer): Sehen Sie, ich sage es ja schon die ganze Zeit!
Verkäufer: Aber sie sagten doch, es sei ein Text mit dabei! Was hilft es mir, dass es von irgendetwas handelt. Alles handelt irgendwie von irgendwas.
Direktor: Es handelt von etwas Genauem.
Connaisseur: Ich bin neugierig.
Direktor: Je nachdem, was man hineinliest, handelt es entweder vom Festhalten an einer Welt ohne Eisenbahn oder davon, wie man trotz Taubheit ein formvollendetes Streichquartett entwickelt oder von der Tragik des Menschen, der versucht, sich freizustrampeln und am Ende die gleiche Ungerechtigkeit akribisch wiederherstellt oder von der tröstenden Kraft zweistimmiger Kantilenen über artig auf das Metrum platzierten Pizzicati oder von der Lächerlichkeit alltäglicher Probleme, die Menschen erfinden, wenn ihnen sonst keine Idee kommt. Je nachdem, was man hineinliest.
Verkäufer: Es ist offen!
Eintritt unbekannter Tourist
Direktor: Ja und Nein. Es ist offen, aber bestimmt. Dass man es nicht lesen kann wie einen Text, sondern Verschiedenes hineinlesen wird, heißt nicht, dass man alles hineinlesen kann.
Es handelt von etwas Genauem.
Connaisseur: Genau. Von sich selbst.
Direktor: Sie wollen mir also nicht sagen, wovon Ihr neues Stück handelt.
Connaisseur: Der Musik liegt ein räumliches Prinzip zugrunde.
Kunde (zum Verkäufer): Ein was?
Verkäufer: Das ist eine rein technische Frage. Vielleicht war es eine stereophone Aufführung.
Kunde: So so. Ich glaube, das ist mir zu spätromantisch. Wie spät ist es eigentlich?
Direktor: Sie wollen doch nicht sagen, es handelt von einem Raum?
Connaisseur: Es handelt nicht davon, es ist der Umgang mit einem Raum. Es ist ein neuer Raum: nicht nur ein Zeitgefühl, sondern aus dem gleichen Stoff entstehend ein Raumgefühl.
Aber das ist nur ein Aspekt.
Direktor: Aha. Kann demnach Musik ein Tisch sein?
Tourist: Es ist offen.
Connaisseur: Sie kann sicher eher ein Tisch sein, als Tisch sagen.
Kunde: Das ist zu spät für mich. Ich habe die Ehre.
Verkäufer: Es ist offen!
Eintritt John Lennon und Yoko Ono, hinter ihnen ein Kamerateam
Abgang Kunde
Verkäufer: Yes, please.
John: Der Blues ist ein Stuhl, auf den du dich setzen kannst.
Verkäufer: Yes, please.
Yoko: Musik ist Liebe.
John: Musik ist eine Universalsprache. Singen wir, Liebe?
Yoko: Wenn ich dich nicht getroffen hätte, wäre ich eine interessante Stimmkünstlerin
geblieben. So bin ich eine Krähe in deinem Universum. Man könnte meinen, du hast mich künstlerisch verdorben mit deiner Universalsprache, aber was zählt das kleine Künstlerische,
wenn man die Möglichkeit bekommt, es gegen große Öffentlichkeit einzutauschen? Die Fernsehkamera ist der gewaltigste Pinsel unserer Zeit.
John: Jeder hat seine Zeichen. Für Rock’n’Roll reicht eine Gitarre. Funk und Fernsehen sind
die Metaphysik meines Gesangs. Auf diese Macht habe ich eine Antwort. Bitte jetzt mal hier alle zusammen: „Wir meinen doch nur, dass der Frieden eine C h a n c e wenigstens kriegen
sollte.“
Alle: //:Wir meinen doch nur, dass der Frieden eine Chance wenigstens kriegen sollte. ://
Nach einigen Wiederholungen: Abgang John, Yoko und Filmteam. Der Tourist hinterher.
Connaisseur: War das nicht Bob Dylan gerade?
Verkäufer: Der Tourist?
Connaisseur: Welcher Tourist?
Direktor: Wo sind wir hier eigentlich?
Connaisseur, Verkäufer: In einer Musikhandlung.
Direktor: Man hat jedenfalls ein interessantes Raumgefühl.
Connaisseur: Es hat eine künstliche Atmosphäre. Das gefällt mir.
Verkäufer: Wir schließen bald.
Connaisseur: Was hat er gesagt?
Direktor: Dass der Frieden eine Chance verdient.
Connaisseur: Das wird schwierig.
Direktor: Würden Sie das bestreiten, dass ein Gesang vom Inhalt seiner Worte handelt.
Connaisseur: Der Gesang nicht. Die Sätze handeln von diesen Sätzen, die Musik handelt von sich selbst, dem Material, aus dem Gefühle sind. Und das Singen selbst ist auch eine Handlung. Wenn die Musik und das Singen zu den Worten tritt, präzisiert sich deren Inhalt entsprechend.
Verkäufer: Auch die Musik wird ganz anders, wenn da ein Text ist oder eine Handlung, oder
ein Mensch. Das Erhabene wird plötzlich lächerlich und das Lächerliche erhaben.
Connaisseur: Aber die Musik fügt den Worten etwas Unbeschreibliches hinzu, zum Beispiel ein Lebensgefühl, so dass man genauer versteht, was mit den Worten gemeint ist, oder ein
Gemeinschaftsgefühl, das man im Text nicht so wirksam beschreiben könnte, geschweige denn herstellen.
Direktor: Sie reden tatsächlich noch von Gefühlen. Ich dachte, heutzutage handelt Musik nicht von Gefühlen, sondern von Ideen und Konzepten.
Connaisseur: Das Gute ist, dass Musik mit dem Material, aus dem Gefühle sind, Ideen modellieren kann.
Direktor: Ein beherzter Spruch zu so später Stunde. Also handelt Musik doch nicht einfach „von sich selbst“, wie sie behaupten.
Connaisseur: Warum nicht? Wovon sonst?
Direktor: Von Ideen? Von Gefühlen meinetwegen?
Connaisseur: Musik stellt Gefühle und Ideen nicht dar, sondern her.
Verkäufer: So, die Herrschaften, wir schließen. Darf ich Sie bitten?
Connaisseur und Direktor gehen gestikulierend ab. Verkäufer schließt die Musikhandlung.
Mein lieber Herr Gesangsverein.
Abgang Verkäufer
Auftritt Kunde
Kunde: Schade, jetzt wäre er mir wieder eingefallen, der Name von der Musikhandlung. Es war natürlich das transfaktisch-spektrophonische Oratorium
“Montag bis Freitag” von Hansrüdiger Baumhausen in der BuddhaLounge-Bearbeitung für präparierten Gamelanchor und sieben Didgeridoos. (Im Abgang) Ist eigentlich ganz einfach,
aber man kann sich’s doch nicht merken.

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